Mit diesem Leitfaden nehmen der Kirchenrat der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Basel-Landschaft und der Landeskirchenrat der Römisch-katholischen Landeskirche des Kantons Basel-Landschaft Stellung zum Thema „sexuelle Übergriffe im Arbeitsfeld Kirche“.

Die beiden Räte tolerieren weder sexuelle Belästigungen am Arbeitsplatz (Übergriffe von kirchlichen Mitarbeitenden auf andere Mitarbeitende) noch Übergriffe, die von Mitarbeitenden im Rahmen von Seelsorge, Unterricht, Beratung oder weiteren kirchlichen Tätigkeitsbereichen verübt werden.

Sie ergreifen Massnahmen, um die Würde und Integrität von Menschen zu schützen, die von der Kirche angestellt sind, die sich kirchlichen Mitarbeitenden anvertrauen, oder die innerhalb der Kirche freiwillige Arbeit leisten (vgl. Kirchenverfassung ERKBL, Art. 2 Abs. 4, 2. Satz).

Der nachfolgende Leitfaden ist für alle direkt von den beiden Landeskirchen angestellten Mitarbeitenden, sowie für alle von der reformierten und römisch-katholischen Baselbieter Kirche in Pflicht genommenen Mitarbeitenden verbindlich.

Die beiden Kirchenräte verlangen aber auch von allen Kirchgemeinden, Pfarreien und anderen kirchlichen Organen, dass sie für die von ihnen angestellten Personen verbindliche Regelungen einführen und diesen Leitfaden als Grundlage dafür nehmen. Alle Arbeitgebenden sind dazu von Gesetzes wegen verpflichtet.

Alle von der Problematik sexueller Belästigung oder Ausbeutung Betroffenen können sich an die vom Kanton eingesetzten „Vertrauenspersonen bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz“ und an die „Beratende Kommission zum Schutz der sexuellen Integrität am Arbeitsplatz“ wenden und dort Rat und Hilfe holen.

Es ist nicht einfach, über sexuelle Belästigung oder sexuelle Ausbeutung zu sprechen. Menschen müssen in der Kirche vor sexuellen Übergriffen geschützt werden und das ist nur möglich, wenn offen über diese Themen gesprochen wird. Dazu wollen die Kirchenräte mit diesem Leitfaden und den darin genannten Massnahmen ermutigen.

Die beiden Bereiche Übergriffe unter Mitarbeitenden und Übergriffe von Mitarbeitenden auf Dritte überschneiden sich, sind von der Problematik her aber zu unterscheiden

- Beim Schutz von Mitarbeitenden vor sexuellen Übergriffen geht es um Massnahmen für Angestellte oder freiwillig Mitarbeitende. Nur sie selber können sagen, wann sie durch ein Verhalten von Kollegen bzw. Kolleginnen belästigt werden. Ihre Integrität und ihr Wohlbefinden sollen geschützt und ein gutes Arbeitsklima gefördert werden.

Von Gesetzes wegen ist die Kirche wie alle Arbeitgebenden dazu verpflichtet, ihre Mitarbeitenden vor solchen Übergriffen zu schützen. Sie werden im Gesetz als sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz’ bezeichnet.

- Beim Schutz von Dritten vor Übergriffen von kirchlichen Mitarbeitenden geht es darum, den Missbrauch von Machtpositionen in der Seelsorge, im Unterricht, in der Beratung oder in anderen kirchlichen Arbeitsfeldern zu verhindern. Mitarbeitende, welche die Not und das Vertrauen von Ratsuchenden oder ihnen Anvertrauten zur eigenen Befriedigung missbrauchen, verletzen die Würde und das Vertrauen von Menschen gravierend und dauerhaft. Das kann unter keinen Umständen geduldet werden. Es widerspricht jeglicher Berufsethik und läuft der befreienden Botschaft des Evangeliums zuwider.

Beiden Problemfeldern gemeinsam ist, dass Menschen verletzt werden, dass sie mit oft dauerhaften physischen oder psychischen Schäden zu kämpfen haben und dass ihr Vertrauen in die Kirche und ihre Vertreter und Vertreterinnen zutiefst erschüttert wird. Gemeinsam ist auch, dass es gerade nicht um Sexualität, Erotik oder gar um Liebe geht, sondern um das Ausnutzen einer Machtposition in einem Bereich, in dem Menschen besonders empfindlich und verletzlich sind. Gemeinsam ist häufig leider auch, dass Menschen, die sich solche Übergriffe zuschulden kommen lassen, wenig Unrechtbewusstsein zeigen.

Dazu kommt erschwerend, dass die Kirche im Laufe der Geschichte ein schwieriges Verhältnis gegenüber der Sexualität gezeigt und moralische Tabus errichtet hat, die es immer noch schwer machen, über Sexualität innerhalb der Kirche zu reden.

Beiden Kirchenräten liegt daran, dass Menschen in unseren Kirchen die Themen sexueller Belästigung und sexueller Ausbeutung nicht länger verschweigen. Sie sollen sich auch Gedanken darüber machen, wieweit kirchliche Entwicklungen dazu beigetragen haben, dass Opfer sexuellen Missbrauchs so lange geschwiegen haben. Wir sind überzeugt, dass Aufmerksamkeit, Sachwissen und Sensibilität den besten Schutz vor sexuellen Übergriffen bieten.

Liestal, 17. Oktober 2002


Evangelisch-reformierte Kirche Römisch-katholische Landeskirche des Kantons Basel-Landschaft

Kirchenrat Landeskirchenrat
Der Präsident Die Sekretärin Der Präsident Der Verwalter

Markus Christ, Pfr.
Ines Belser
Peter Zwick
Franz Schaub

Römisch-katholische Landeskirche
des Kantons Basel-Landschaft
Postfach 150, 4410 Liestal
Tel. 061 921 94 61
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